1914 | Mitten in Europa | Das Rheinland und der erste Weltkrieg
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Statements

der Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats

Der erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, an dessen Folgen wir uns auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach wie vor abarbeiten. In vergleichender Perspektive wird dennoch deutlich, wie unterschiedlich die Gedenkkulturen zum ersten Weltkrieg in Europa und der weiteren Welt sind. Gerade weil der LVR mit seinem Projekt „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland am Vorabend des ersten Weltkriegs“ einen wichtigen Kontrapunkt zur relativen Geschichtsvergessenheit Deutschlands im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg setzt, stellt es einen wichtigen Beitrag zur Geschichtskultur Deutschlands der Gegenwart dar. Das ebenso interdisziplinäre wie internationale Programm, das sich auch und gerade auf die europäische Normalität vor der Katastrophe konzentriert, zeichnet den Umriss eines ebenso furchterregenden wie aufregenden Jahrhunderts zu Beginn seiner Entwicklung.

„Krieg ist das Aus-der-Ordnung-Kommen der Dinge“ – so hat der pazifistische Schriftsteller Alfred Döblin im Rückblick auf sein kriegerisches Jahrhundert Bilanz gezogen. Viele seiner Dichterfreunde haben in Essays, Gedichten, Theatertexten und Romanen ihre Erlebnisse, Einsichten und Gefühle festgehalten – ihre Reaktionen reichen vom Stammeln und sprachmächtigen Sinnsuchen bis zur Flucht in ästhetische schöne „Stahlgewitter“ eines Ernst Jünger. Oft versagte die Sprache, Ohnmacht wurde zum Thema einer Generation. Schlimmer noch: Schriftsteller und Künstler starben in den Schützengräben, suchten den Freitod oder verstummten…

Wir Nachgeborenen leben in ihrem Schatten. Nach 100 Jahren möchten wir die Erinnerung fruchtbar machen, besonders im Blick auf das Rheinland in Europa.

Der Krieg brach im August 1914 „mitten in Europa“ aus, weitete sich dann rasch auf im-mer mehr Fronten aus und entwickelte sich sogar zu einem Weltenbrand – eben einem „Weltkrieg“. Die globale Dimension des Kriegsgeschehens ist den Zeitgenossen im Rheinland jedoch zunächst verborgen geblieben. Hier konzentrierte man sich aus naheliegenden Gründen auf die militärischen Fronten im Westen und kämpfte mit den Problemen an der „Heimatfront“. Umso heftiger aber fiel der Aufschrei aus, als „die Welt“ nach dem Waffenstillstand ins Rheinland kam: „Farbige Franzosen am Rhein“ hieß eine der Kampfschriften, die die öffentlichen Debatten um den Ersten Weltkrieg beherrschten.

Auf den ersten Blick verbindet uns kaum noch etwas mit jener Welt der halbautokratischen Monarchien und Großmachtrivalitäten, die in der Juli-Krise des Jahres 1914 gleichsam schlafwandlerisch dem Ersten Weltkrieg entgegen taumelte. Die europäischen Staaten haben dem Wettlauf in der Flotten- und Heeresrüstung abgeschworen. In unseren Gesellschaften wird militärische Macht kaum noch unkritisch bewundert, eher misstrauisch beäugt. Der Glaube an den Krieg als ultimativen Test für die Standortbestimmung von Nationen in der internationalen Politik ist uns fremd geworden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so könnte man sagen, existierten die europäischen Staaten durch den Krieg und für den Krieg. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurden sie durch und für den Frieden umgebildet.

Die Arbeit im Beirat des LVR-Projektes „1914 – Mitten in Europa“ bietet eine exzellente Gelegenheit, ein spezifisches Augenmerk auf die medizinischen und psychosomatische Aspekte und Implikationen des Ersten Weltkrieges und seiner Akteure und Opfer – den Soldaten und der Zivilbevölkerung – zu richten. Medizin-, psychiatrie- und militärhistorische Erkenntnisse und ihre vielfältigen Interdependenzen lassen sich im Rahmen der geplanten Ausstellungsprojekte und Veranstaltungen hervorragend visualisieren und medial vermitteln. Das ist Interdisziplinarität im besten Sinne!

In technischer und wirtschaftlicher wie auch in psychosozialer Hinsicht erzählt 1914 eine „Geschichte der Beschleunigung“. Seit der Industrialisierung im 19. Jhd. zeichnete sich ein anhaltender technologischer Modernisierungsprozess ab, der Geschwindigkeit in den Mittelpunkt sämtlicher Lebensbereiche rückte. Beschleunigung wurde damit zum Symbol einer „hochdynamisierten und auf einen großen Krieg zusteuernden … Gesellschaft“ (Rüdiger Haude). Sie spiegelt die Ambivalenz der Moderne wider: Stand sie einerseits für Fortschritt und Zukunftsfähigkeit, so begleitete sie andererseits den ersten industrialisierten Krieg zu Lande, zu Wasser und in der Luft und bahnte Massenvernichtung und Tod den Weg. Als technologisch-industrielle Leitregion mitten in Europa avancierte das Rheinland am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu einem Kristallisationszentrum von „Aggression und Avantgarde“.

„1914 – Mitten in Europa“ ist ein ebenso faszinierendes wie wichtiges kulturpolitisches Projekt: faszinierend, weil hierbei Museumsfachleute, Medienmacher und Historiker ge-meinsam der Frage nachgehen, wie die Zeitgenossen vor 100 Jahren in einer der ebenso kulturell wie sozial und wirtschaftlich fortschrittlichsten Regionen Europas auf die nahende Katastrophe des „Großen Krieges“ reagiert haben – wichtig, weil sich in deren Einstellungen und Handlungen größere Gemeinsamkeiten mit dem Verhalten der Menschen in unseren Tagen auftun als uns dies möglicherweise lieb ist.

Mit dem Ersten Weltkrieg setzte ein bis dahin in Europa beispielloser Geschichtsbruch ein, der bis über den Zweiten Weltkrieg anhielt: Alte Lebensgrundlagen und Zukunftserwartungen gingen darin zugrunde, neue entstanden, die in den folgenden Jahrzehnten vielfach wieder enttäuscht und zerstört wurden. Heute fällt es deshalb vielen schwer, in der Vorkriegs- und Kriegsgesellschaft die eigene Vergangenheit wieder zu erkennen. Die Auseinandersetzung mit dieser einmaligen Umbruchzeit bleibt deshalb auch hundert Jahre nach Kriegsausbruch eine aktuelle Herausforderung.

Der Krieg, der 1914 begonnen hat, ist schnell auch zu einem Krieg der Wissenschaften geworden. Denn zum Sieg wollten nicht nur Ingenieure und Chemiker beitragen, sondern auch Geisteswissenschaftler mobilisierten an der Front und in der Heimat. Sie lieferten Begründungen für den Krieg - und bald begannen sie auch den Krieg und dessen Folgen zu dokumentieren. Es ist daher wichtig, dieses wissenschaftliche Kriegsengagement zu reflektieren und mit der Gegenwart zu konfrontieren.

Die Arbeit im Beirat ermöglicht es Anstöße zu einem koordinierten Vorgehen mehrerer Museen mit ihren Ausstellungsprojekten zu geben. Wichtig ist es auch von den nachbarschaftlichen Kontexten in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg zu erfahren. Regionale Geschichte ist auch immer europäische Geschichte. Die rheinischen Juden schauten 1914 eine Zeit des Erfolgs zurück: Sie waren seit über vierzig Jahren gleichberechtigte Bürger geworden, viele konnten sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten, Deutschland war Zuwanderungsland für in Osteuropa verfolgte Juden geworden. Juden nahm an der Kultur teil, prägte sie mit und lebte - konfliktreich - ein modernes pluralistisches jüdisches Selbstbewusstsein: Eine Zeit großer Hoffnungen. War die ge-sellschaftliche Anerkennung erreicht?

Die Arbeit im Beirat „1914 – Mitten in Europa“ fasziniert mich, weil Experten und Exper-tinnen unterschiedlicher Nationen und Disziplinen Rückfragen an eine gemeinsam geteilte Geschichte stellen, die national, regional, sozial und geschlechterkulturell differente Konturen erkennen lässt. Mit den kooperierenden Museen wird darüber nachgedacht, wie diese Vergangenheiten in Objektkonstellationen von Kunst- bis zu Alltagsgegenständen vergegenwärtigt werden können.

Das intellektuelle Wagnis mit dem Vorabend des Ersten Weltkrieges den Beginn des Jahrhunderts der Katastrophen in den Mittelpunkt zu stellen, ist gleichermaßen Heraus-forderung und Chance. Mit pluralen Annäherungen werden die Zwiespältigkeiten der Mo-derne wie die Positionalität des Rückblicks bedacht. In der Konzentration auf das Rheinland zeigt sich zudem, dass Europa immer auch vor Ort war und ist.

„Der Krieg ist ein Chamäleon“ (Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz)

Der Krieg ist stets unberechenbar, das lässt sich gerade am Ersten Weltkrieg, an dessen Ausbruch und Verlauf nachvollziehen. Der Krieg, in den man 1914 hineinging, hatte nur sehr wenig zu tun mit dem Krieg, aus dem man 1918 wieder herauskam. Am Anfang gab es noch kein Gas, keine Panzer, kein Bombardement aus der Luft. Und niemand hatte eine Ahnung davon, wozu die industrialisierten Nationen technisch fähig sein würden. 50 Millionen mobilisierte Soldaten weltweit? Zehn Millionen Tote? Die von 1914 hätten über so etwas nur den Kopf geschüttelt...

Eine Rückschau ist unverzichtbar. Gerade der Erste Weltkrieg zeigt uns die Entwicklungs-Möglichkeiten jedes Krieges. Es ist immer gefährlich, mit dem Feuer zu spielen!

In didaktischer Perspektive lässt sich am Ersten Weltkrieg exemplarisch erfahren, wie Kriege entstehen und wie sie dann ungeplant ungeahntes Ausmaß erlangen können. Im Hinblick auf interkulturelle Toleranz und Kompetenz ist es wichtig, die Bedeutung des Ersten Weltkrieges in der eigenen Region und für das eigene Land einschließlich der europäischen und globalen Dimensionen zu kennen. National unterschiedlich ausgebildete Geschichtskulturen historisch einordnen zu können, sie in ihrem mentalitätsgeschichtlichen Kontext zu verstehen und zu akzeptieren, dies ist Voraussetzung dafür, die Formen und zugleich die Verflochtenheit der nationalen und transnationalen Gedächtnis- und Erinnerungskulturen zu begreifen. Gerade vor dem Hintergrund der in den nächsten vier Jahren weltweit stattfindenden Gedenkveranstaltungen ist ein entsprechendes Wissen für deren Einordnung und das Verständnis unabdingbar.

Die heutige Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, aber auch die sogenannte „Preußische Wallonie“ um Malmedy waren 1914 integraler Bestandteil des Deutschen Reiches und der Rheinprovinz. Aus diesem Gebiet und aus der nahen Stadt Aachen wurde in den frühen Morgenstunden des 4. August 1914 der völkerrechtswidrige Angriff auf das neutrale Belgien vorgetragen. Sechs deutsche Brigaden zogen mordend und brandschatzend in das kleine Nachbarland ein. Die Deutschsprachige Gemeinschaft betrachtet sich somit als natürlichen Partner des LVR und bietet Begleitprogramme im Grenzland an.

Medienhistorisch ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg für den Rest des Jahrhunderts entscheidend: Sogar der Begriff beginnt sich erst in dieser Zeit zu entwickeln, genauso wie Avantgarde und Moderne. Film und Photographie erfahren fundamentale Veränderungen in Produktion und Rezeption, und zum ersten Mal wird die Differenz zwischen Individuum und (Massen-)Gesellschaft auch medial diskutiert. In diesem Kontext mutet der melancholische Versuch, in einer Ausstellung mittels farbiger Photographie ein friedliches Bewusstsein globaler Existenz herzustellen, gleichermaßen modern an wie aus der Zeit gefallen.

Der Erste Weltkrieg scheint zumindest in Deutschland spontan unglaublich weit weg und kaum präsent. Es ist – gerade auch für die Medien - eine spannende Herausforderung, ihn mit seiner Vorgeschichte und seinen Folgen wieder in die Nähe zu rücken, das Vergleichbare, ja sogar Vertraute auf verblüffende Weise sichtbar, hörbar und spürbar zu machen, dem Lebensgefühl der Menschen im Rheinland des frühen 20. Jahrhunderts mit den Fragen eines Publikums von heute nachzuspüren.
Aus Überzeugung und mit Freude wird der WDR die „Zeitreisen mit allen Sinnen“, zu denen das LVR-Projekt einlädt, auf seine Weise ergänzen: mit Radiofeatures und Hörbildern, mit Archivschätzen und mit Fernsehdokumentationen über eine aufregend moderne Epoche.

Die Vorbereitungen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg erinnern in mancherlei Hinsicht an das Jahr 1913 und die Erinnerungsfeiern an das Kriegsgeschehen im Jahr 1813. Im Unterschied zu damals sollten wir aber die Stimmen nicht ignorieren, die Frieden und Verständigung propagierten. Gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger Entwicklungen sollten wir immer über Krieg und Frieden sprechen.

Verändert unser Wissen darüber, dass mit dem August 1914 auch für die Frauen die Kriegszeit begann, unsere Wahrnehmung ihrer Biographien, deren Spuren in der Vorkriegszeit wir folgen? Worüber sprechen ihre Lebensentwürfe jenseits der Projektionen und der Schatten, die der Krieg auf ihre Arbeit, ihre Kreativität, ihre Emotionen, auf ihre Gesichter zurückwirft? Was teilen uns die Portraits der Frauen und Männer, umgeben von Familie und Freunden, mit, die alle noch nichts von der Länge und dem Schrecken des kommenden Krieges wussten?

Der Krieg der „Ideen von 1914“ war auch ein Krieg mit Kanonen, Maschinengewehren, Giftgas und Kampfschiffen, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Dies wäre ohne die enormen Anstrengungen der rheinisch-westfälischen Wirtschaft nicht möglich gewesen. Zudem belasteten die sozio-ökonomischen Verwerfungen des „Großen Kriegs“ – vor allem die verdeckte Inflation – auch die Weltwirtschaft in den 1920er Jahren und trugen damit zur „Urkatastrophe des Jahrhunderts“ bei. Mir war es als Wirtschafts- und Sozialhistorikerin wichtig, dass diese bedeutenden ökonomischen Fragen ausreichend Raum finden. Dass diese Anregungen im interdisziplinären und intergenerationellen Beirat und von den Projektträgern im LVR aufgenommen wurden, ist beispielhaft für die anregende und kollegiale Atmosphäre!

Der erste Weltkrieg war auch für die Architektur als der materiell sichtbarsten Prägungsform des Sozialen einer der radikalsten Einschnitte ihrer Geschichte. Keines der Modelle baulicher Repräsentation von Staat, Kirche, Industrie, Kultur und Wohnen, mit denen die kriegsbedingt eingestellten Großausstellungen in Köln (Werkbund) und Düsseldorf (’Aus hundert Jahren Kunst und Kultur’) den nationalen Stand der Moderne markierten,war nach dem Krieg noch erfolgreich. Es blieb aber der Technologieschub vor dem Krieg und für den Krieg. Das auf Überbietung angelegte Kooperieren von Staat, Ökonomie, Wissenschaft und Kultur, das „1914 – Mitten in Europa“ multidisziplinär fokussiert, produzierte architektonische Gesten der Überlegenheit, auf die die 20er Jahre mit der Dialektik aus anti-individualistischer Bescheidenheit bei gesteigertem Effizienzdenken reagierte. Die neuen Widersprüche und die bleibende Verführung zu Gesten der Macht haben weniger denn je an Aktualität eingebüßt.

„1914 - Mitten in Europa": Das ist internationale Grenzgeschichte. Es zeigen sich grenzüberschreitende Auswirkungen eines Weltkonflikts in einer „Region ohne Grenzen“. Die niederländische Neutralität 1914-1918 bewahrte die Grenzregion Limburg vor dem Krieg, die Aufnahme tausender Flüchtlinge erforderte eine Koordinierung auf nationaler Ebene, die Limburger Kohlen brachten „Holland“ in Zeiten der Knappheit Wärme. So sorgte der Stacheldraht an der Grenze letztendlich dafür, dass Limburg und die Limburger auch mental in den Nationalstaat der Niederlande aufgenommen wurden.

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